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Kolumbus

Eine der Lichtgestalten der Neuzeit entpuppt sich bei näherem Hinsehen als ein typisches Kind seiner Zeit: ehrgeizig und rücksichtslos, wild auf Gold und Ruhm, ignorant und so fanatisch religiös, das er selbst seine gläubigen spanischen Kollegen zu Tode nervt. Kolumbus hat Amerika nicht endeckt, jedenfalls nicht, was ihn selbst anging: er hatte nur einen neuen Seeweg nach Asien endeckt. Die Kugelgestalt der Erde war ebenfalls nicht seine Entdeckung, ihm gebührt allenfalls das Privileg, ihren Umfang so schlecht wie kaum einer vor und nach ihm ausgerechnet zu haben.

Rudolf Simek,
Erde und Kosmos im Mittelalter,
Augsburg 2000

Talaveras Epitaph
"En esta casa nacio D. Fr. Hernando de Talavera Prior del Monasterio de Prado obispo de Avila, primer arzobispo de Granada y examinador de los proyectos de Cristobal Colon. La patria a su hijo ilustre ano 1892 en los dîas del cuarto centenario del descubrimiento de America".

Kolumbus wurde nicht ausgelacht , weil er behauptet hat, die Erde sei rund: dies war auch schon 1492 eine bekannte Tatsache. So stand Kolumbus nicht als Angeklagter vor der Talavera -Kommission, wie meist fälschlich behauptet wird, sondern als Antragsteller: er brauchte Geld und eine Genehmigung für seine Fahrt. Simek stellt fest, das es bei den Kirchenvätern nur zwei Stellen gibt, die mit der Ablehnung der Kugelgestalt der Erde zu tun haben: einmal in den Divinae institutiones des afrikanischen Kirchengelehrten Firmianus Lactantius - er lehnt Kugelgestalt, Antipoden und die Existenz der Schwerkraft ab (“I don’t believe in gravity.” sagt das schwnagere Hippiemädchen in Lous Malles Atlantic City ) - und Kosmas de Indikopleustes (= der Indienfahrer), der in der ”verworrenen, um 545 verfassten Topographia Christiana” (p. 12) ein altarförmiges Weltbild vertritt (Arno Schmidt beschreibt Kosmas’ Weltbild als Bundeslade in seiner Erzählung Kosmas oder der Berg des Nordens). Kosmas wurde erst 1706 ins Lateinische übersetzt und war wohl der Talavera-Kommission unbekannt: nur drei griechische Handschriften sind überliefert.

“Zur Erklärung der geläufigen Himmelserscheinungen erhebt sich am Nordrand der Inneren Erde ein zuckerhutförmiger Riesenberg - der <Berg des Nordens> - seine Höhe ist gleich der Länge der Ökumene. Um ihn herum werden - und zwar von Engeln - Sonne, Mond und Gestirne geführt; wobei der Schatten des Berges die Erdnacht ergibt : im Sommer steigt die Sonne bekanntlich hoch; folglich entstehen kurze und helle Nächte, weil sie hinter der schmalen Spitze des Berges nicht lange verborgen bleiben Kann. Je mehr sich die Wnterszeit nähert, desto tiefer sinkt sie - der Berg wird breiter, folglich die Nächte länger. Die Hypothese ist wirklich mit allem möglichen Scharfsinn ausgearbeitet, und Kosmas weiß auf seine Weise dadurch die Finsternisse zu erklären, dier kürzeren Schatten der südlichen Länder, usw. usw.” (Arno Schmidt, Henoch, NT und Kosmas, in: Aus julianischen Tagen, Frankfurt 1979, S. 58f)

Die Hauptfrage dürfte die Distanz zwischen Westspanien und der Ostküste Asiens gewesen sein. Bei der Diskussion wird man sich auf Paolo Dai Pozzo Toscanelli (1397 – 1482, Toscanellis Karte zeigt die Vorstellung), der mit Kolumbus, Regiomontanus und Nikolaus von Kues korrespondierte, gestützt haben. Dabei hat Toscanelli - wie im Verfolg auch Columbus - die asiatische Landmasse zu breit geschätzt. Columbus wählte suchte sich bei den antiken Quellen die falsche aus: Marinos von Tyros hatte 225 Grad von 360 für Asien errechnet, eine Zahl die von Ptolemäus auf immer noch weit übertriebene 180 Grad herunter rechnete. Mit dem Marco-Polo-Faktor (weitere 28) kommt Columbus auf 253. Japan liegt 30 Grad vor China, macht 283. Da bleiben noch lächerliche 60 bis 70 Grad zwischen Europa und Asien. (Tatsächlich liegt Japan 140° Ost und Lissabon 10° West, also blieben 360 - 150, immerhin 210° gegenüber 60°!).

Nikolaus von Kues
Paolo dai Pozzo Toscanelli

Kues und Toscanelli sind eng mit Laurentius Valla befreundet, einem Philosophen und Logiker, der unabhängig von Nikolaus die Konstantinische Schenkung als Fälschung bewies (philologisch: das Latein der Schenkungsurkunde ist nicht antik, zu neu)

Columbus made two separate attempts to measure his latitude by two different  methods on December 13, while anchored in a harbor in northern Haiti. Columbus had read works by the Greek astronomer Ptolemy, and he knew that Ptolemy often referred to a city's latitude according to the length of daylight at the summer  solstice (more northerly places have longer daylight at summer solstice).  December 13 was the day after the winter solstice in 1492, which is just as good for latitude measurements (because: the length of daylight at summer solstice is about the same as the length of night at winter solstice). Columbus took the opportunity to measure the length of daylight, finding that the day was 10 hours long. This is also a fairly bad result, but Columbus did not convert the daylight measurement into a latitude, probably because he did not know enough  trigonometry to do so.

Keith A. Pickering auf seiner Columbus-Site

Die anfängliche Ablehnung durch die Kommission ist weiter nicht verwunderlich: “Zu vage sind die Aussagen sowohl der Bibel und der Kirchenväter, aber auch der antiken Autoritäten und der hochmittelalterlichen Gelehrten, um aus ihnen eine klare Antwort über die Form, die Größe und die Beschaffenheit unserer Erde und des Kosmos überhaupt zu ziehen.” (p. 14) Simek argwöhnt zu recht, das die Auseinandersetzung schließlich nicht theologisch, sondern mathematisch geführt wurde: es ging um das Maß des Breitengrades.

Kolumbus’ Lieblingsstelle Jes. 60,9:
Die Inseln harren auv mich, und die Schiffe im Meer von länst her, dass sie deine Kinder von ferne herzu bringen, samt ihrem Silber und Gold, dem Namen des Herrn, deines Gottes [...]
(nach: Alexander Venzke, Columbus, Reinbek bei Hamburg 1992)

Sieben Jahre wartet Kolumbus auf die Bewilligung der Talavera- Kommission, und in dieser Zeit beschäftigt er sich, wie viele seiner Zeitgenossen, mit den überlieferten Kosmographien. Die Erde stand in dieser Zeit nach gängiger Auffassung im Zentrum konzentrisch angeordneter Sphären (Weltzwiebel). Diese Ansicht datiert schon aus dem vierten vorchristlichen Jahrhundert, erstmals von Euxodos von Knidos (ca. 408 - 350 v. Chr, Link mit Movie! ) vertreten, dann von Aristoteles auf 27 Sphären erweitert. Abgeschlossen wurden diese Systeme durch Hipparch von Nikaia (2. Jhd. v. Chr., Hipparch und seine Kollegen beobachteten vor allem in den frühen Morgenstunden [dazu: Bierce, Morning], weil es ihnen offensichtlich um die Wettervorhersage ging) und den Mathematiker Ptolemäus (2. Jhd. n. Chr.). Die Sphärenmodelle wurden im Mittelalter zunehmend mathematisiert. ”Diese Sphären stellte sich wohl kaum ein Gelehrter des Mittelalters als kristallene Kugeln vor wie Ptolemäus, sondern als rechnerische Größen, die von den Umlaufzeiten der Planeten bestimmt wurden.” (p. 17)

Hipparch von Nikaia ca. 190 - 125 v. Chr., fertigte den ersten Sternkatalog der Antike mit über 1.000 Sternpositionen und Helligkeitsangaben, entdeckte eine Nova (um 134 v. Chr.) und vermaß die Entfernung Erde-Mond zu 59 Erdradien (heute 60,4 ER). Hipparch berechnete außerdem den Monddurchmesser zu 3/11 Erdradien und fand heraus, dass die Entfernung Erde-Mond nicht gleich ist und dass sich der Mond nicht immer mit gleicher Geschwindigkeit um die Erde bewegt.

Die Erde lag im Zentrum dieser Sphären nicht etwa wegen ihrer Bedeutung, sondern - im Gegenteil - wegen ihrer Bedeutungslosigkeit: Erde liegt als schwerstes Element am weitesten unten, also vom Zentrum aus alle Sphären weiter oben.