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Physiologus

Hier zwei hübsche Beispiele aus dem Physiologus, einem Zoologiebuch, in dem das Buch der Natur ein Kommentar zur Bibel ist. Einerseits hört es sich an wie eine Proll-Version der Bibel-Exegese der Patrologia Latina , andererseits kling der klassifikatorische Wahnsinn durch, den Borges mit seiner Chinesischen Zoologie beschreibt, mit der Michel Foucault sein Die Ordnung der Dinge beginnt.

Literatur zum Thema mehrfacher Schriftsinn steht nebenan, zu vergleichbaren mittelalterlichen Taxinomien siehe Foucault im Ahnlichkeitskapitel der Ordnung (Die vier Ähnlichkeiten).

Eine nett gemachte Site mit dem
Originaltext in Mittelhochdeutsch

1.

sensus literalis

buchstäblicher Sinn

2.

sensus allegoricus

symbolischer Sinn

3.

sensus trophologicus

existentialis

4.

sensus anagogicus

eschatologischer Sinn

Friedrich Ohly, Vom geistigen Sinn des Wortes im Mittelalter. In: F.O., Schriften zur mittelalterlichen Bedeutungsforschung, Darmstadt 1983.

Auerbach, Erich: Figura. In (ders.): Gesammelte Aufsätze zur romanischen  Philologie. Herausgegeben von Fritz Schalk und Gustav Konrad. Bern - München: A. Francke Verlag 1967, S. 55-93

Leo

Der Löwe hat drei Eigenschaften (Naturen). A. Er verwischt seine Spuren mit dem Schweif, damit ihn die Jäger nicht aufspüren können. Dies bedeutet die Menschwerdung des Herrn, ein Geheimnis, das auch den himmlischen Mächten (und dem Teufel, setzen spätere Physiologi hinzu) verborgen war. - B. Wenn der Löwe schläft, so wachen doch seine Augen, das heist sie sind offen. So schlief zwar der Leib Christi im Kreuzestod, seine Gottheit aber wachte zur Rechten des Vaters. - C. Die Löwin gebiert ihr Junges todt; am dritten Tage aber kommt der Vater, bläst ihm in's Gesicht und erwecht es dadurch zum Leben. Dies bedeutet die Auf- erstehung des Herrn am dritten Tage. [GkS 1633 f.1-2v]

Elephans


Der Elephant ist von Natur kalt und muss zuerst von der Mandragora essen, wenn er Junge zeugen soll. Er geht also, wenn dies geschehen soll, mit seinem Weibschen in die Nähe des Paradieses, wo diese Pflanze wächst, von der dann das Weibschen zuerst isst und nachher auch das Männchen dazu veranlasst. Wenn aber das Weibschen das Junge gebähren soll, so tritt es in einen Teich und gebiert es über dem Wasser, und der männliche Elephant hält Wache, damit der feindliche Drache nicht komme. Wenn der Elephant fällt, so kann er nicht mehr aufstehen, weil er keine Kniegelenke hat. Auf seinen Ruf kommt zuerst ein anderer Elephant herbei, kann ihm aber nicht aufrichten können; zuletzt kommt der kleine Elephant und richtet ihn auf. Die zwei Elephanten bezeichnet Adam und Eva und stellen in ihrem Falle gebar Eva den Kain. Der erste Elephant, der dem Gefallenen zu Hilfe kommen will, ist das Gesetz, die zwölf andern die Propheten; aber sie alle konnten ihm nicht helfen, bis Christus kam, der wegen der Demut und Erniedrigung in seiner Menschenwerdung mit den kleinen Elephanten zu vergleichen ist, und ihn aufrichtete. [GkS 1633 f.6v-8]

Mandragora - Mandrake

Eine Übersicht gibt es hier

Mandrake is a long leaved  (nearly a foot long, and 6" wide) dark green plant with small greenish-yellow or purple bell-shaped flowers that drow on 3-4" stalks. The flowers eventually fruit into small orange-coloured fleshy berries with a strong, apple-like scent, hence the name Satan's Apples. It is best known for the large brown root, running 3 to 4 feet into the ground sometimes single and sometimes forked into two or three distinctive branches (bifid) which gives the plant a rough resemblance to that of a human monster form.
Magically speaking, the female mandrake carries forked that look like a pair of human legs, whereas the male has only a single root. In the old Herbals we find them frequently figured as a male with a long beard, and a female with a very bushy head of hair The female form is the most sought after for magic and medicinal use. It was the female form that was carved in the Middle Ages (in Germany and France) into manikins.

Indem es finstrer wurde, und der Bach lauter rauschte, und das Geflügel der Nacht seine irre Wanderung mit umschweifendem Fluge begann, saß er noch immer mißvergnügt und in sich versunken; er hätte weinen mögen, und er war durchaus unentschlossen, was er tun und vornehmen solle. Gedankenlos zog er eine hervorragende Wurzel aus der Erde, und plötzlich hörte er erschreckend ein dumpfes Winseln im Boden, das sich unterirdisch in klagenden Tönen fortzog, und erst in der Ferne wehmütig verscholl. Der Ton durchdrang sein innerstes Herz, er ergriff ihn, als wenn er unvermutet die Wunde berührt habe, an der der sterbende Leichnam der Natur in Schmerzen verscheiden wolle. Er sprang auf und wollte entfliehen, denn er hatte wohl ehemals von der seltsamen Alrunenwurzel gehört, die beim Ausreißen so herzdurchschneidende Klagetöne von sich gebe, daß der Mensch von ihrem Gewinsel wahnsinnig werden müsse. Indem er fortgehen wollte, stand ein fremder Mann hinter ihm, welcher ihn freundlich ansah und fragte, wohin er wolle.
[...]
»Nein«, sagte der Sohn, »ich erinnere mich ganz deutlich, daß mir eine Pflanze zuerst das Unglück der ganzen Erde bekannt gemacht hat, seitdem verstehe ich erst die Seufzer und Klagen, die allenthalben in der ganzen Natur vernehmbar sind, wenn man nur darauf hören will; in den Pflanzen, Kräutern, Blumen und Bäumen regt und bewegt sich schmerzhaft nur eine große Wunde, sie sind der Leichnam vormaliger herrlicher Steinwelten, sie bieten unserm Auge die schrecklichste Verwesung dar. Jetzt verstehe ich es wohl, daß es dies war, was mir jene Wurzel mit ihrem tiefgeholten Ächzen sagen wollte, sie vergaß sich in ihrem Schmerze und verriet mir alles. Darum sind alle grünen Gewächse so erzürnt auf mich, und stehn mir nach dem Leben; sie wollen jene geliebte Figur in meinem Herzen auslöschen, und in jedem Frühling mit ihrer verzerrten Leichenmiene meine Seele gewinnen. Unerlaubt und tückisch ist es, wie sie dich, alter Mann, hintergangen haben, denn von deiner Seele haben sie gänzlich Besitz genommen. Frage nur die Steine, du wirst erstaunen, wenn du sie reden hörst.«

(Ludwig Tieck, Der Runenberg)

So verging ihr eine Woche nach der andern, bis sie in einer Nacht ganz ermüdet auf eine ausführliche Nachricht traf, wie Alraunen zu bekommen, und wie diese dienstbar Geld und was ein weltliches Herz sonst begehre, mit stehlender, untrüglicher Listigkeit zuführten. Aber welche Schwierigkeit, sie zu gewinnen, und doch war es die leichteste von allen Zaubereien; die Zauberei braucht die härteste Schule; wer sie aushalten kann, möchte auch wohl in den gewöhnlichsten Geschäften ohne alles Geheimnis zu zaubern scheinen. Wer kennt jetzt nicht die Bedingungen, einen Alraun zu gewinnen, und wer möchte sich ihnen noch unterziehen, wer könnte sie erfüllen? Es wird ein Mädchen gefordert, das mit ganzer Seele liebt, ohne Begierde zur Lust ihres Geschlechtes, der die Nähe des Geliebten ganz genügt: eine erste, unerläßliche Bedingung, die vielleicht in Bella zum erstenmal wahrgeworden war, weil sie von den Zigeunern, die sie bisher kennen gelernt, immer als ein Wesen höherer Art behandelt worden und sich dafür anerkannt hatte; die Erscheinung des Prinzen war ihr aber so heilig rein, wie der Körper des Allerheiligsten in der Messe, vorübergegangen, zu schnell, um ihre Betrachtung zu wecken. In solchem Mädchen, das so mächtig von der Phantasie in allen Segeln angehaucht wird, soll gleichzeitig der übermännliche Mut wohnen, nachts in der eilften Stunde mit einem schwarzen Hunde unter den Galgen zu gehen, wo ein unschuldig Gehenkter seine Tränen aufs Gras hat fallen lassen; da soll sie ihre Ohren mit Baumwolle wohl verstopfen und mit den Händen suchen, bis sie die Wurzel erreicht, und trotz allem Geschrei dieser Wurzel, die keineswegs natürlicher Art, sondern ein Kind der unschuldigen Tränen des Erhenkten ist, ihr das Haupt entblößen, einen Strick aus ihren eignen Haaren umlegen, den schwarzen Hund daran spannen, dann fortlaufen, so daß der Hund, im Wunsche ihr zu folgen, die Wurzel aus der Erde zieht, wobei er von einer erblitzenden Erschütterung des Bodens unfehlbar erschlagen wird. Wer in diesem Augenblicke, dem entscheidendsten, seine Ohren nicht wohl verstopft hat, kann von dem Geschrei auf der Stelle unsinnig werden. Bella war wiederum die einzige seit Jahrtausenden, bei der sich alle diese Erfordernisse vereinigten; wer war unschuldiger, als das teure Haupt ihres Vaters Michael, der in rastloser Tat für sein armes Volk, in steter Mühe und Not für die Seinen, um das Unbedeutendste einem Reichen zu entfremden, allzu ehrlich und stolz gewesen war.

(Achim von Arnim, Isabella von Ägypten)

    Alraun
    Mandragora officinarum, Nachtschattengewächse

    (ahd. von Edel und Zauber [got. runa, „Geheimnis”, ahd. rûnen, „leise sprechen”, „raunen”, nord. run, „Geheimnis”, „Rune”]; auch Alräunchen, Alruncken, Alruneken, Galgenmännlein, Wurzelmännchen, Mandragora) Der Alraun ist die einem Menschen oft verblüffend ähnlich sehende Wurzel der Mandragorapflanze. Wie alle Nachtschattengewächse enthält Mandragora Alkaloide, die zu Halluzinationen und sonstigen Vergiftungen bis hin zum Tod führen können.

    Als Glücksbringer wurden die Alraunen teuer gehandelt, denn sie bringen ihrem Besitzer Geld, günstigen Richterspruch vor Gericht und Erfolg in der Liebe, auch eignet sie sich als Zutat für die Hexensalbe. Dies bewirken die Galgenmännlein, die besonders unter Galgen aus Blut oder Sperma der Gehängten hervorgehen und die als Alraunwurzeln erhältlich sind.

    Die Ähnlichkeit der Wurzel mit dem Menschen war auch Hildegard von Bingen aufgefallen. Sie empfahl, den der Wurzel innewohnenden teuflischen Einfluß durch Waschung in Quellwasser auszuspülen. Hildegard verschrieb die Alraune gegen übersteigerten Sexualtrieb. Dafür lege man sich eine Wurzel zwischen Brust und Nabel, einen Teil belasse man am Körper, den anderen zerreibe man und nehme ihn mit etwas Kampher ein.

    Andere Anwendungen sind die Rinde der Alraun gegen Augenleiden oder zur Geburtshilfe, besonders bei abgestorbener Leibesfrucht (Grimm 1992, Bd. III, S. 353).

    Um die Alraunwurzel zu erhalten, am besten in der Johannesnacht zum 24. Juni, empfiehlt sich der Beistand eines schwarzen Hundes. Weil die Alraun einen Schrei ausstößt, wenn sie aus der Erde gezogen wird und jeder, der den Schrei hört, dem Wahnsinn anheimfällt, sollte diese gefährliche Arbeit besser dem Hunde überlassen bleiben. Den binde man an die halb ausgegrabene Wurzel und entferne sich rasch. Wenn man dann das treue Tier ruft, kommt es angesprungen und reißt dabei die Wurzel aus dem Boden, stirbt aber augenblicklich am Schrei der Alruncken. Sich selbst schütze man durch Verstopfung der Ohren.

    Bereits der antike Geschichtsschreiber Flavius Josephus beschrieb in seinen „Bellum Judaicum” das Sammeln der Pflanzen. Nach seiner Darstellung empfiehlt es sich, sie mit Urin und Blutfluß zu gießen. Dann ließe sich die Wurzel ausziehen und muß dann im ganzen in der Hand davongetragen werden. Ansonsten weist auch er auf die Methode mit dem Hund hin, ein gutes Sammelgebiet sei das Tal Baara bei Machäus. Die so gewonnene Wurzel eigne sich besonders zur Heilung von Krankheiten, da diese von Dämonen hervorgerufen würden, die die Annäherung der Pflanze aus dem Kranken austreibe (Bellum Judaicum VII,6, nach Habiger-Tuczay 1992, S. 217).

    Das derart gewonnene Wurzelmännlein wird in ein weißes Kleid gewandet und zweimal täglich mit Essen und Trinken versorgt. Nun läßt es sich um Rat befragen (Grimm 1992, Bd. III, S. 353).

    Auch zur Bereitung von Liebestränken wurde die Alraunwurzel verwendet. (R. BURTON in Anatomy of Melancholy, zit. n. Biedermann 1998, S. 268)

    Aus der Mandragora-Wurzel sollen außer den Galgenmännlein verschiedene elbische Wesen entstehen, beispielsweise die Skzrate.

    Ein anderer Name der Alraun ist Kirkeia, nach der griechischen Zauberin Kirke, die sich mit ihrer Magie Männer willfährig machte und dafür die Mandragora verwendet haben soll (Habiger-Tuczay 1992, S. 216).
    Die Früchte der Alraune sind womöglich die Liebesäpfel des Alten Testaments (1. Mose 30,14ff).

    Eine Pflanze, deren Wurzel wie der Alraun dem Menschen ähnelt ist der asiatische Ginseng.

    (Quelle; der Text auf dieser Webseite entstammt meiner Vermutung nach aus: Bächthold-Stäubli: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens))